Neuerscheinung

Nationalsozialismus und Volksbildung: Eine späte Annäherung

Die „Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung“ setzt sich in ihrer aktuellen Schwerpunktausgabe mit dem Thema Erwachsenenbildung und Nationalsozialismus auseinander und schließt damit eine Forschungslücke.

Obwohl die zeithistorische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust mittlerweile Bibliotheken füllt und sich um eine Vielzahl von methodisch ausdifferenzierten Forschungszugängen erweitert hat, so sind manche gesellschaftlichen Bereiche noch zu wenig beleuchtet worden. Obwohl neben der Rolle von Universität und Wissenschaft zunehmend auch nach den Funktionen von Kunst, Kultur, Erziehungswesen beziehungsweise Pädagogik gefragt wird, ist der Forschungsoutput hier quantitativ nach wie vor vergleichsweise bescheiden geblieben. Der allgemein zu konstatierende Randstatus bildungsgeschichtlicher Themen, die einen nur wenig beachteten Nebenschauplatz im Mainstream des historiografischen Analysespektrums bilden, lässt sich auch im spezifischen Kontext der NS-Forschung feststellen. Abgesehen von einigen wenigen, oftmals aus dem unmittelbaren edukativen Berufsfeld heraus entstandenen Einzeldarstellungen und Dokumentationen blieb die Frage nach der Funktion der Volks- beziehungsweise Erwachsenenbildung im Nationalsozialismus weitgehend unberücksichtigt.

Erwachsenenbildung und Nationalsozialismus: ein Widerspruch?


Volksbildung und Nationalsozialismus schließen einander eigentlich kategorisch aus: hier die gesellschafts- und bildungspolitischen Axiome einer demokratieförderlichen und wissenschaftszentrierten Lehr- und Lernfreiheit im Sinne einer weltoffenen, an der Entfaltung des Individuums orientierten Weltauffassung, dort die auf rassistischem Antisemitismus basierende Ideologie und Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus, die das „Zeitalter des Liberalismus und Individualismus“ durch die gleichgeschaltete „Volksgemeinschaft“ endgültig überwinden wollte.
Dennoch gab es Volks- beziehungsweise Erwachsenenbildung im Nationalsozialismus – in Deutschland seit 1933, in Österreich seit 1938. Es gab (propagandistische) Vorträge, Kurse und (systemstabilisierende) kulturelle Veranstaltungen, deren Programmgestaltung den NS-Gauleitungen unterworfen war. Die „Volksbildungsstätten“, in welche die Volkshochschulen umgewandelt wurden, waren nur für „arische Volksgenossen“ zugänglich. Jüdische und politisch unliebsame KursleiterInnen, administrative Kräfte und Volkshochschulleiter wurden entlassen, inhaftiert, vertrieben oder ermordet.

Zu den genannten Themenbereichen liefert die „Spurensuche“ einige erste Beiträge, so etwa erstmals zu Aspekten der institutionsgeschichtlichen Entwicklung oder zu Frühformen völkischen Gedankenguts.

Autorinnen und Autoren sind: Matthias Alke, Hannelore Bastian, Thomas Dostal, Georg Fischer, Bernd Käpplinger, Antje von Rein, Bernhard Schoßig, Christian H. Stifter, Maria Stimm, Robert Streibel und Celine Wawruschka.

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